Sascha Pranschke

Hinter der Leinwand


Hinter der Leinwand liegt Humphrey Bogart. Sein Körper ist gekrümmt wie im Mutterleib. Statt der Nabelschnur schlängelt sich eine Blutspur von der Mitte seines Trenchcoats zur Rückseite der Leinwand. Als wäre er aus dem Film gefallen, als hätte der Film ihn zur Welt gebracht, als wäre er gestorben, bevor er sich abnabeln konnte.
„Und wer sind Sie?“ fragt der Kommissar.
„Die Filmvorführerin“, sage ich.
Er stutzt, betrachtet meinen Rollstuhl und schreibt etwas in seinen Notizblock. Seine Kollegin wendet sich von der Leiche ab und spricht die Gedanken des Kommissars aus:
„Filmvorführerin ... ist das nicht schwierig für ... Sie?“
„Sie meinen: für einen Krüppel?“
„Verzeihung, ich wollte nicht ...“
„Schneckenreither hat mir eine Rampe gezimmert. Damit geht’s.“
„Schneckenreither?“ fragt die Polizistin.
„Der Tote!“ sagt der Kommissar und sieht sie tadelnd an.
Ines fängt wieder an zu schluchzen. Colja drückt sie fester an sich, doch sie befreit sich aus seiner Umarmung und läuft in den Zuschauerraum. Colja, noch immer in seiner Schürze, die er zum Popcornrösten trägt, bleibt allein zurück zwischen den Pappkameraden: Lauren Bacall, Peter Lorre, Ingrid Bergman ...
„Warum hat er sich wie Bogart angezogen?“ fragt der Kommissar.
„Tote schlafen fest“, sage ich.
„Wie, bitte?“
„The Big Sleep“, sagt Colja. „Den Film haben wir heute gezeigt.“
Der Kommissar begreift noch immer nicht.
„Schneckenreither hat mitgespielt“, sage ich.
Er blickt sich im Raum um, geht zur Rückseite der Leinwand, berührt sie mit der Hand.
„Die vierte Wand“, sage ich. „Dahinter sind die Zuschauer.“
„Man sieht den Film auch von dieser Seite“, erklärt Colja. „Spiegelverkehrt.“
„Hat er bei jeder Vorstellung mitgespielt?“ fragt die Polizistin.
„Bei jedem Bogart-Film“, sage ich.
Zwei junge Männer tragen eine Bahre herein. Schneckenreither will sich nicht strecken lassen. Als sie ihn hochheben, verharrt er in seiner Embryo-Haltung. Sein Gesicht ist gelb wie Kuchenteig. Für seinen Abgang hätte er sich besseres Licht gewünscht. Wir sollten die Deckenlampe aus- und den Filmprojektor einschalten. Das Licht, das durch die Leinwand fällt, ist weicher.

Am nächsten Abend lassen wir die Vorstellung ausfallen. Ines meint, sie könne jetzt nicht weitermachen, als sei nichts geschehen. „Er war schließlich unser Freund!“ Colja gibt ihr Recht und sagt, wir müssten uns Zeit für unsere Trauer nehmen.
„Und Geld müssen wir nicht verdienen?“ frage ich. „Der Projektor ist noch nicht abbezahlt!“
Sie lassen nicht mit sich diskutieren. Ines trägt Mary Astors dunkle Bluse und die weiße Brosche aus Die Spur des Falken. Schneckenreither hat den Originalschnitt besorgt und die Bluse für sie nachschneidern lassen. Ich frage mich, ob Colja davon weiß. Er hat sich heute zu Ehren Schneckenreithers in der Requisite desselben Films bedient: Seinen rechten kleinen Finger schmückt ein Silberring, seinen Hals eine seidene Fliege. Dazu schwingt er einen schwarzen Spazierstock. Trotzdem ähnelt er Peter Lorre nicht im Entferntesten.
Von der Kasse aus sehe ich den beiden hinterher. Sie überqueren die Straße, weichen Autos aus, und Colja versucht, seinen Arm um Ines zu legen. Sie streift ihn ab und verschränkt ihre Arme vor der Brust. Ich fahre in den Vorführraum und starte den Projektor. Ich muss den Film noch einmal sehen. Ines und Colja ist gar nicht aufgefallen, dass ich Seidenstrümpfe und Lauren Bacalls kariertes Kostüm trage. Seit meinem Unfall habe ich es nicht mehr angezogen.
„’n Schießeisen in der Hand, aber nicht für fünf Cent Grips im Schädel!“ macht sich Bogart als Philip Marlowe über den Erpresser Joe Brody lustig. Ich denke an das, was der Kommissar heute über Schneckenreithers Mörder sagte:
„Der hält sich für besonders schlau. Meint, er könne uns weismachen, ihr Freund sei in dem Raum hinter der Leinwand erschossen worden.“ Dann erzählte er uns von dem Ergebnis der Obduktion: Schneckenreither sei aus etwa zwanzig Metern Entfernung zweimal in den Rücken getroffen worden. „Der Raum misst viereinhalb mal acht Meter“, sagte der Kommissar. Und als wären wir schwer von Begriff: „Man hat ihn erst nach der Tat hierher geschafft.“
Wir hatten uns wieder hinter der Leinwand versammelt Gemeinsam mit den lebensgroßen Pappfiguren der Hollywoodstars blickten wir auf die Kreidezeichnung am Boden. Wie eine riesige, aufgequollene Bohne sah der Umriss von Schneckenreithers Embryo-Leiche aus.
„Außerdem“, sagte die Polizistin, „hätten die Kinobesucher die Schüsse gehört. Und Sie ebenfalls.“ Sie sah uns der Reihe nach an.
Und dann begannen sie endlich mit den Fragen. Ich hatte schon geglaubt, sie würden sich nicht für unsere Alibis interessieren. Ines konnte bezeugen, dass ich vom Beginn der Vorstellung bis zum Eintreffen der Polizei den Vorführraum nicht verlassen hatte. Von der Kasse aus hatte sie die Tür des Vorführraums im Blick. Über Colja sagte sie, er habe zunächst Eis verkauft und während der Vorstellung Popcorn geröstet. Colja sagte, er habe Ines ihren Platz an der Kasse nicht verlassen sehen.
„Sie sind ein Paar?“ fragte die Polizistin.
„Ja“, sagte Colja.
„Was spielt das für eine Rolle?“ fragte Ines.
Sie bekam keine Antwort.
„Ich werd’ ihm schon irgendwas erzählen“, sagt Bogart zu Bacall, kurz bevor die Polizei eintrifft. „Ich weiß noch nicht was, aber es wird der Wahrheit ziemlich nahe kommen.“ Dazu hält er sie im Arm, sie schmiegt sich an ihn, die Musik setzt ein, und der Film ist zu Ende. Ich bleibe immer noch eine Weile im Vorführraum sitzen. Wenn wir Publikum im Saal haben, ist dies der Moment, um das Licht langsam hochzudrehen. Noch während des kurzen Abspanns, noch bevor die Musik verklungen ist, drängeln sie sich durch die Sitzreihen, rascheln mit Jacken und Mänteln, fangen an zu reden und geben sich keine Mühe, wenigstens leise zu sprechen.
Heute bin ich ganz allein. Heute höre ich die Musik ungestört bis zum letzten Takt, bis zum letzten Aufwallen der Streicher. Und selbst als das keinen Nachhall mehr erzeugt, bleibe ich noch in der Dunkelheit. Ich schalte den Projektor aus, und nun ist auch im Saal kein Licht mehr. In meinem Rollstuhl lehne ich mich zurück. Nur mein Atem ist zu hören. Ich denke an Schneckenreithers gekrümmten Körper, an die Embryo-Haltung, die er zum Sterben einnahm. Könnte ich meine Beine noch bewegen, würde ich sie jetzt ebenso zum Körper ziehen. Ob es im Mutterleib so dunkel und so still ist wie in einem Kinosaal nach der Vorstellung? Im Grab bestimmt. Sollte Schneckenreither nicht froh sein?
Plötzlich ist die Leinwand erleuchtet. Jemand hat das Licht dahinter eingeschaltet. Zuerst sehe ich nur die Umrisse der Pappkameraden. Dann bewegt sich eine weitere Silhouette zwischen ihnen. Wie Schneckenreither, wenn er seine Trockenübungen machte. Wie oft habe ich dabei von hier oben seinen Schatten beobachtet? Die Filme spielte er bei diesen Proben auf einem Fernsehschirm ab. Erst wenn jeder Schritt genau abgemessen war, schob er die Attrappen aus Pappe beiseite, ließ mich den Projektor starten und war auf einmal mittendrin, spielte Bogarts Rolle in einem weiteren Film, hinter der Leinwand, in einer spiegelverkehrten Welt.
Die Gestalt, die sich jetzt dort bewegt, ist größer. Größer als Bogart, größer als Schneckenreither. Sie geht zum Rand der Leinwand, zur Tür des Zuschauersaals. In der Dunkelheit des Vorführraums bin ich vom Saal aus nicht zu sehen. Ich könnte mich ruhig verhalten. Ich könnte die Tür verschließen. Doch warum soll ich mich verstecken? Ich lasse meinen Stuhl die Rampe hinunterrollen, vom Projektor zur Tür, in die Eingangshalle und weiter zum Saal. Als ich die Saaltür öffne, steht er vor der Leinwand. Er dreht sich zu mir um, kommt näher, geht zwischen den Stuhlreihen auf mich zu. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Ich rolle ihm entgegen. Wir treffen uns im Zwielicht der Leinwand.
„Das ist ein schönes Kostüm“, sagt der Kommissar.
„Ich habe es selbst genäht“, sage ich.
„Aus einem Film?“
„Tote schlafen fest, Sie wissen schon, den wir gestern gezeigt haben.“
Er nickt. „Wollen wir uns setzen? Oh, entschuldigen Sie!“
„Macht nichts, das kann passieren. Ja, nehmen Sie Platz!“
Er lässt sich in einen Kinosessel fallen. Ich rolle meinen Stuhl daneben.
„Ihre Freunde sehen heute auch aus, als wären sie einem Vierziger-Jahre-Film entsprungen. Ich habe sie drüben im Café getroffen.“
„So zeigen wir unsere Trauer. Schneckenreither liebte die Filme.“
„Ist es nicht mehr als das?“
„Ja, Sie haben Recht. Wir alle lieben die Filme.“
Einen Moment lang sieht er mich von der Seite an. Ich blicke auf die Leinwand und entdecke zwei winzige Löcher.
„Spielen Sie auch mit?“ fragt er. „Ich meine: hinter der Leinwand, so wie Herr Schneckenreither es getan hat.“
Ich erzähle ihm von unseren Film-Nachspielen zu viert, wenn es keine öffentliche Vorstellung gab. „Allein und während der Vorstellung hat nur Schneckenreither gespielt. Wir anderen haben gearbeitet. Er war der Chef.“ Ich verschweige ihm nicht, dass ich schon lange nicht mehr mitspiele.
„Hat das mit ihrer Behinderung zu tun?“
Ich nicke. „Kennen Sie Gangster in Key Largo?“
Er sieht mich verständnislos an.
„Den Film!“
Er schüttelt den Kopf.
„Ich sollte den alten Mister Temple spielen. Auch ein Krüppel im Rollstuhl. Schneckenreither fand die Idee großartig.“
„Ich vermute, Sie teilten seine Begeisterung nicht?“
„Ich sagte ihm, dass ich auf diese Art von Authentizität scheiße.“
„Waren Sie ihm böse?“
Ich sehe ihm in die Augen. „Nicht so sehr, dass ich ihn dafür umgebracht hätte“, sage ich.
Er hustet, und für eine Weile starren wir die leere Leinwand an.
„Als ich eben ins Café kam“, sagt er schließlich, „da stritten ihre Freunde miteinander. Ziemlich heftig sogar. Dann sahen sie mich und hörten auf.“
Ich bleibe stumm.
„Sind die beiden glücklich miteinander?“
„Das müssen Sie sie schon selbst fragen!“
Wieder schweigen wir für eine Minute. Dann fragt er, warum ich eigentlich hier bin, es sei schließlich keine Vorstellung. Ich sage, dass ich mir allein einen Film angesehen habe. Ob ich das oft mache?
„Ja, sehr oft“, sage ich.
„Darf ich Sie um etwas bitten?“ fragt er.
„Etwas Unmoralisches?“
„Na, hören Sie mal! Ich bin Kriminalhauptkommissar!“
„Schade“, sage ich, „wir hätten uns sehr gut amüsieren können, wenn Sie kein Detektiv wären!“
„Wie, bitte?“
„Keine Angst, nur ein Zitat. Lauren Bacall sagt das zu Humphrey Bogart in Tote schlafen fest. Also, was kann ich für Sie tun?“
Für einen Moment wirkt er noch ein bisschen durcheinander, dann rückt er mit der Sprache raus: Ein Kino für sich allein, das habe er sich schon immer gewünscht!
Ich lasse mich von ihm in den Vorführraum schieben. Casablanca haben wir beide noch nicht oft genug gesehen. Bevor ich den Projektor starte, bitte ich den Kommissar, das Licht hinter der Leinwand zu löschen.

Heute haben sie Colja verhaftet. Ines hat ihre Aussage widerrufen: Sie könne nicht mit Sicherheit behaupten, dass Colja während der gesamten Vorstellung im Kino war. Tatsächlich habe sie ihn, lange bevor der Film begann, zuletzt gesehen.
„Und dass sie ihren Chef umgebracht haben sollte“, verriet mir der Kommissar, „ist wirklich sehr unwahrscheinlich. Wussten Sie, dass die beiden ein Verhältnis hatten?“
Ich tat überrascht.
„Eifersucht ist noch immer eines der häufigsten Motive.“
Ich konnte nicht anders, ich musste lachen.
„Was ist so lustig?“ fragte der Kommissar.
„Es ist so einfach“, sagte ich.
„Ja“, bestätigte er, „die Lösung ist oft banal. Dafür hat er es sich bei der Tat schwieriger als nötig gemacht. Warum hat er die Leiche vom Tatort hinter die Leinwand geschleppt?“
„Ich bin sicher, das finden Sie auch noch heraus!“
„Waren wir gestern Abend nicht schon beim Du?“
Ich lächelte.
„Und wir können das wirklich wiederholen?“ fragte er.
„Jederzeit“, sagte ich.
Ich rechne damit, dass er bald wiederkommt. Bis dahin muss ich die Löcher in der Leinwand gestopft haben. Ich dachte, man würde sie gar nicht sehen. Doch das Licht scheint hindurch wie zwei glühende Nadeln. Die Löcher sind nicht allzu hoch, das schaffe ich vom Stuhl aus. Zum Glück war Schneckenreither so klein wie Bogart. Und zum Glück stand er direkt hinter der Leinwand, als im Film Joe Brody mit zwei Schüssen niedergestreckt wurde. Doch was heißt Glück? Nein, mit Glück hatte es nichts zu tun. Habe ich Schneckenreithers Silhouette nicht oft genug beobachtet? Kannte ich nicht jeden seiner Schritte?
Bevor der Kommissar zur nächsten Privatvorstellung kommt, werde ich auch das Gewehr deponiert haben. Wie gut, dass es sich zerlegen lässt! So passt es unter das Popcorn im Röstofen. Ich freue mich darauf, den Kommissar das Gewehr finden zu lassen.
Ach, Colja! Warum konntest du dich nicht zufrieden geben mit deinem Job als Herr über Popcorn und Eis? Warum musstest du Schneckenreithers Rationalisierungswahn unterstützen? Filmvorführer wolltest du sein! Ich kann das verstehen, ich will selbst nichts anderes sein. Aber mit diesem Wunsch hast du Schneckenreither umgebracht. Auch wenn ich die Kugeln über die Köpfe der Zuschauer durch die Leinwand gejagt habe, hast doch du ihn auf dem Gewissen. Und er sich selbst. Ja, Schneckenreither, du hast selbst Schuld! Natürlich müssen wir rationalisieren – wer außer einer Handvoll Liebhaber will schon noch die alten Filme, die wir zeigen, sehen?
„Sie sind schon der Zweite, den ich heute sehe, der glaubt, wenn er ’ne Pistole in der Hand hält, würde ihm die Welt zu Füßen liegen“, sagt Marlowe zu Brody, kurz bevor diesen die zwei Schüsse treffen. Aber dieses eine Mal hat Marlowe Unrecht. Das Kino ist nicht weniger als die Welt. Und habe ich es mir nicht dank des Gewehrs zu Füßen gelegt?
Ines sagt, sie wolle den Betrieb wieder aufnehmen. Ob es mir etwas ausmache, nach all dem hier weiter zu arbeiten?
„Das wäre sicher in Schneckenreithers Sinne“, sage ich.
„Und glaubst du, wir schaffen das zu zweit?“ fragt sie.
„Wir mussten ohnehin rationalisieren.“