Sascha Pranschke

Obersalzbergjazz


Ben war der erste Jazztrompeter in unserer Stadt. Das war gleich nach dem Krieg, als die Amis ihre Duke-Ellington- und Count-Basie-Platten mitbrachten. In der Kneipe von Bens Eltern gab es ein Grammophon aus den zwanziger Jahren. Während Ben den Soldaten Spiegeleier und Schinkenbrot brachte, spielten die ihre Platten auf dem Grammophon ab. Ben verliebte sich in die Musik. Er stahl eine der Platten. Ihren Besitzer füllte er mit Doppelkorn ab, bis der Sergeant glaubte, er selbst habe seine Platte zerbrochen. Es war eine Aufnahme von Benny Goodmans Konzert in der Carnegie Hall im Jahr 1938. Wenn keine Soldaten in der Kneipe waren, legte Ben die Platte auf und übte, zuerst Blue Room, später Body and Soul. Die Trompete hatte er noch aus seiner Zeit bei der Hitlerjugend.
Ich habe Ben nie kennengelernt. Barkowiak erzählt mir von ihm. Barkowiak gibt gern damit an, was sein Freund für den Jazz in unserer Stadt getan hat. Das ist in Ordnung. Wenn man halbseitig gelähmt ist und einen künstlichen Ausgang besitzt, gibt es nicht mehr viel, womit man angeben kann. Auch Ben gibt es nicht mehr, sagt Barkowiak. Aber es gibt noch seine Erinnerungen an ihn.
Als der Krieg vorbei war, spielte Ben seit zehn Jahren Trompete. Barkowiak gehört nicht zu denen, die einem ständig erzählen, wie viele Autobahnen Hitler gebaut und wie viele Arbeitsplätze er geschaffen habe. Aber er sagt, Trompetespielen habe Ben nun einmal in der HJ gelernt. Und deshalb habe die Jazzszene unserer Stadt Hitler ebenso viel zu verdanken wie Benny Goodman.
„Das ist Blödsinn“, sage ich, während ich seinen Rollstuhl durch den Park des Altenheims schiebe. „Wenn man Sie so erzählen hört, könnte man meinen, Hitler, Himmler, Goebbels und Göring hätten auf dem Obersalzberg zu I Got Rhythm getanzt. Und Eva Braun hat mit ihrer kleinen Kamera alles gefilmt, und das war dann das erste Musikvideo.“
„Klugscheißer!“ sagt Barkowiak. „Fangen Sie an zu schreiben! Dafür bezahle ich Sie schließlich.“
Ich schiebe seinen Rollstuhl neben eine Bank und setze mich. Die Bank steht unter einem Kastanienbaum. Nachmittags ist es jetzt noch warm, doch die Bäume verlieren schon ihre Blätter. Am Rand färben sie sich braun und rollen sich zusammen. Barkowiak hat Schweißränder unter den Achseln. An seiner Unterlippe hängt ein Speicheltropfen. Es würde mir nichts ausmachen, ihn abzuwischen, aber Barkowiak mag das nicht. Der am Rollstuhl befestigte Urinbeutel ist zu drei Vierteln voll. Ich schlage mein Notizbuch auf.
„Wo waren wir stehen geblieben?“ fragt Barkowiak.
Mitte der fünfziger Jahre hatte Ben seine eigene Band. Sie fuhren nach Italien und spielten in Hotelbars. In Ancona verliebte sich Ben zum zweiten Mal. Sie hieß Giuditta, und ihr Verlobter brach Ben den Arm. Die Band fuhr nach Deutschland zurück, doch zwei Monate später stand Giuditta vor Bens Tür. Sie war schwanger. Ein halbes Jahr lebten die beiden über der Kneipe von Bens Eltern. Barkowiak sagt, Ben sei nie wieder so glücklich gewesen. Giuditta und das Kind starben bei der Geburt. Es war ein Mädchen.
Manchmal fällt es mir schwer, schnell genug mitzuschreiben. Blind notiere ich Wortfetzen und beobachte dabei Barkowiak. Das Erzählen strengt ihn an. Seit dem Schlaganfall kämpft er um jedes Wort, um jede Bewegung der Lippen. Dennoch ist er ausdauernd. Er bezahlt mich einmal wöchentlich für zwei Stunden, davon verschenkt er keine Minute. Sein Blick geht geradeaus ins Leere, während ich beobachte, wie Speichel an seinem Kinn hinab rinnt. Hinterher bringe ich ihn auf seine Station zurück. Eine dunkelhaarige Pflegerin mit dicken Beinen und einem hübschen Gesicht nimmt ihn in Empfang und schiebt ihn in sein Zimmer. Sie nennt mich „Herr Barkowiak“. Beim ersten Mal hat es mich gestört, ich mochte ihn nicht und wollte nicht für seinen Sohn gehalten werden. Jetzt mag ich ihn noch immer nicht, aber es ist mir egal, wie mich die Pflegerin nennt. Nach ihrem Namen habe ich schon zweimal gefragt, doch ich kann ihn mir nicht merken.
Zu Hause forme ich Sätze aus meinen Notizen. Ich versuche, aus Barkowiaks Erinnerungen an Ben eine Geschichte zu machen. Dafür hat er mich engagiert.
„Übertreiben Sie ruhig“, hat er gesagt. „Machen Sie es spannend!“
„Wer soll die Geschichte lesen?“ habe ich gefragt.
„Ich will Sie lesen. Wenn sie gut ist. Wollen Sie keine gute Geschichte lesen?“
Während der sechziger Jahre kam Ben kaum aus Deutschland heraus. „Da müssen Sie sich was ausdenken!“ sagt Barkowiak. 1972 oder 1973, Barkowiak erinnert sich nicht genau, spielte Ben dann mit einer neuen Band in Amsterdam. Ein Club hatte sie für zwei Wochen engagiert. Am letzten Abend hörte Ben, Chet Baker sei in der Stadt. Er ließ seinen eigenen Auftritt sausen und hörte sich stattdessen das Konzert seines Idols an. Der Manager des Clubs, in dem Baker auftrat, kannte Ben und versprach ihm ein Treffen in Bakers Hotel. Er solle einfach nach Mitternacht auf sein Zimmer kommen. Ben verließ das Konzert vor dem Ende, um rechtzeitig im Hotel zu sein. Es war das gleiche Hotel, in dem Baker Jahre später aus dem Fenster stürzte. Ab elf Uhr saß Ben dort in der Bar. Gegen seine Nervosität trank er Wodka. Um Mitternacht zitterte er vor Aufregung. Um halb eins war er so betrunken, dass er sich nicht mehr traute, in diesem Zustand seinem Gott gegenüber zu treten. Um ein Uhr warf man ihn aus der Bar. Am nächsten Abend, kurz vor seiner Abreise nach Deutschland, traf er den Manager, der ihm das Treffen mit Baker versprochen hatte. „Wo warst du?“ fragte der fetthaarige Holländer. Baker sei bis zum Morgengrauen auf allen Vieren durch sein Hotelzimmer gekrabbelt. „Where‘s that fucking german trumpet player?“ habe er dabei gerufen. „I wanna drink with him!“
Barkowiaks Zimmer habe ich noch nie gesehen. Zuerst gehen wir in den Park, wenn er mir von Ben erzählt. Als die Tage kälter werden, setzen wir uns in den Speisesaal seiner Station. Es sind nur wenige Leute hier. Zwei Damen spielen wortlos ein Kartenspiel. Sie haben sich herausgeputzt, als wollten sie zu einem Ball. Gegen fünf Uhr bringen zwei Pflegerinnen sie in ihre Zimmer zurück. Manchmal betritt ein Herr mit einem Buckel den Raum. Er scheint auf dieser Station der einzige Bewohner zu sein, der keinen Rollstuhl benötigt. Auf eine vierbeinige Gehhilfe gestützt arbeitet er sich Zentimeter für Zentimeter zum Fenster vor, sieht eine Viertelstunde in den Park hinunter und geht wieder zurück. Oft macht er diese Tour zweimal, während ich Barkowiak zuhöre. Jedesmal nickt der Bucklige Barkowiak freundlich zu. Der tut, als würde er ihn nicht bemerken.
Ich frage mich, wie Barkowiaks Zimmer aussieht und warum er mich nicht hineinlässt.
„Was ist mit ihrem eigenen Leben?“ frage ich ihn an einem Nachmittag im November.
„Was soll damit sein?“
„Sie erzählen immer nur von ihrem Freund Ben.“
„Er hat mehr erlebt als ich.“
„Vielleicht wollen Sie mir trotzdem einmal etwas aus Ihrem Leben erzählen? Wenn wir mit Ben fertig sind?“
„Sie wollen nur doppelt verdienen.“
„Sie müssten nichts dafür bezahlen.“
„Es gibt nichts zu erzählen.“
„Dann erfinden Sie etwas! Übertreiben Sie! Machen Sie es spannend!“
„Das ist Ihr Job.“
Anfang Dezember bekomme ich Fieber und eine eitrige Halsentzündung. Ich rufe im Pflegeheim an und sage meinen Besuch bei Barkowiak ab. Ich meine, die Stimme der dunkelhaarigen Pflegerin zu erkennen, die mich für seinen Sohn hält. Ob sie es wirklich ist, weiß ich nicht, ich habe mir ihren Namen immer noch nicht gemerkt. Zwei Tage später bekomme ich mit der Post ein kleines Paket. Ich reiße das braune Packpapier auf und finde eine unbeschriftete Cassette. Als ich sie abspiele, scheppert Barkowiaks Stimme aus den Lautsprechern. „Das Ding hier kann ich allein mit der linken Hand bedienen“, sagt er. „Drei Tasten: Play, Record, Stop.“ Er räuspert sich ins Mikrofon, und die Lautsprechermembran vibriert. „So, wo waren wir stehen geblieben?“ Nachdem er drei weitere Jahre aus Bens Leben erzählt hat, ertönt Musik. Zwei Stücke, eine Ballade und eine hektische Bebop-Nummer. „Damit Sie wissen, worum es beim Jazz geht“, sagt Barkowiak am Ende des Bandes.
Während meiner Krankheit, ohne Ablenkung, arbeite ich schneller. Nach drei Tagen schnüre ich Bens bisherige Geschichte mit Bindfaden zusammen, wickle sie in Packpapier und schicke sie an Barkowiak. „Damit Sie wissen, worum es bei Ben geht“, schreibe ich dazu. Barkowiak will nicht noch einmal lesen, was er mir bereits erzählt hat. „Übertreiben Sie ruhig!“ hat er gesagt. „Machen Sie es spannend!“ Er will eine Geschichte. Wie ein Kind vor dem Einschlafen. Ich versuche, aus Bens Leben einen Roman zu machen. Ich bin gespannt auf Barkowiaks Reaktion. Und ich bin selbst gespannt, wie es weitergeht.
Doch als ich in der folgenden Woche ins Heim komme, sieht es so aus, als ginge es nicht weiter. Der Kastanienbaum steht nackt im Park. Auf seinen Ästen, auf der Bank darunter und auf dem Rasen liegt eine dünne Schneeschicht. Die Wege sind matschig. Ich sehe am Haus empor zum Fenster des Speisesaals. Dort steht der Bucklige mit der Gehhilfe. Er nickt mir zu. Als ich den Speisesaal betrete ist er verschwunden. Die beiden aufgeputzten Damen spielen Karten. Ich will eine Pflegerin suchen, damit sie mich zu Barkowiaks Zimmer führt. Da steht schon die Dunkelhaarige vor mir. „Gut, dass sie da sind!“ sagt sie, dreht sich um und geht mir voraus.
Er liegt im Bett. Als die Pflegerin die Tür schließt, wacht er auf. „Ist heute Donnerstag?“ fragt er.
„Wenn es Ihnen nicht passt, gehe ich.“
„Sehe ich so aus, als hätte ich heute noch was vor?“
Er versucht, sich ein wenig aufzurichten. Ich stopfe ihm das Kissen fester unter den Kopf.
„Hat Ihnen die Musik gefallen?“ fragt er.
„Ja. War das Ben?“
„Um Gottes willen, nein!“ Er lacht. „Die ruhige Nummer, die sparsamen, gehauchten Töne, das war Chet. Danach der Verrückte, das war Dizzy.“
„Hat Ben auch Platten aufgenommen?“
„Eine einzige.“
„Ich würde sie gern hören.“
„Ich habe sie nicht.“
„Das glaube ich Ihnen nicht.“
„Glauben Sie, was Sie wollen!“
„Ist das Bens Trompete dort auf der Kommode?“ Ich nicke in Richtung des verstaubten Instruments vor den gerahmten Bildern. Es liegt in einem geöffneten Koffer. Der Koffer ist aus braunem Leder, das Futter leuchtet purpurrot.
Barkowiak zögert einen Moment, dann nickt er.
Ich frage ihn nicht nach den Fotografien. Ich frage, wie ihm die Geschichte gefallen habe.
„Ja, es ist eine Geschichte“, sagt er. „Und das ist gut. Dass es eine Geschichte ist, hat mir am besten gefallen.“
„Ich bin hier“, sage ich, „weil ich wissen will, wie sie weitergeht.“
Er hustet. Gelber Schleim landet auf seiner Bettdecke. Ein bisschen bleibt an seiner Unterlippe hängen. Ich ziehe ein Taschentuch hervor und wische ihm den Mund ab. Er will mich daran hindern, aber er weiß nicht, wie er sich wehren soll.
„Wollen wir nicht lieber Musik hören?“ fragt er.
„Ich will aber Ihnen zuhören“, sage ich.
„Ich kann nicht mehr so lange erzählen.“
„Erzählen Sie nur ein bisschen!“
„Es ist sehr anstrengend.“
„Aber soll ich denn die Geschichte nicht weiterschreiben?“
„Doch, bitte schreiben Sie weiter!“
„Dann erzählen Sie mir mehr!“
Er muss wieder husten. Es schüttelt seinen Körper. Ich stehe auf und halte seinen Kopf, seine Schultern, habe Angst, etwas falsch zu machen, frage, ob ich eine Pflegerin rufen soll.
„Nein, ist ja nur eine Lungenentzündung!“ sagt er. „Übrigens, das Kapitel, in dem Ben ins Krankenhaus muss, hat mir gut gefallen. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, wie hübsch diese Anästhesistin war!“
Ich betrachte die Fotos neben dem Instrumentenkoffer. Als ich bemerke, wie Barkowiak mich ansieht, schaue ich nach unten. Am Bettgestell hängt der Urinbeutel.
„Der Beutel ist voll“, sage ich. „Soll ich ihn auswechseln?“
„Nein!“ Er hört sich verärgert an. „Das soll die Pflegerin machen!“ Das Sprechen fällt ihm immer schwerer.
„Es ist schon in Ordnung“, sage ich, „wenn Sie heute nicht erzählen können. Entschuldigen Sie!“
„Da gibt’s nichts zu entschuldigen. Sie müssen sich eben ausdenken, wie die Geschichte zu Ende geht.“
„Haben Sie mich dafür engagiert? Damit ich das Ende schreibe?“
„Dafür und für meine Unterhaltung. Nur eine Bitte habe ich noch ...“
Er flüstert jetzt. Ich beuge mich tiefer über ihn.
„Lassen Sie Ben nicht in einem Heim sterben, in Ordnung? Machen Sie was Sie wollen, lassen Sie ihn von einem Auto überfahren oder gemeinsam mit Chet Baker aus dem Hotelfenster stürzen, aber lassen Sie nicht zu, dass er seinen Schließmuskel nicht mehr kontrollieren kann! Tun Sie mir den Gefallen?“
Seine linke, funktionsfähige Hand drückt meine rechte.
„Mir gefällt die Idee mit Chet Baker“, sage ich.
Am nächsten Tag hat man seinen Unterkiefer mit einer Mullbinde am Schädel festgebunden. „Damit er nicht offen stehen bleibt“, erwidert die Pflegerin auf meinen fragenden Blick. „Es ist im Schlaf passiert“, sagt sie. „Sie sollten dankbar sein.“ Ob ich etwas von seinen Sachen mitnehmen möchte?
Ich trete näher an ihn heran. Sein Haut schimmert gelblich. Die Wangenknochen treten hervor. Trotzdem sieht er mit der Binde um den Kopf aus, als hätte er Zahnschmerzen, sonst nichts. Ich gehe zur Kommode hinüber. Eine LP liegt auf dem Plattenspieler, Benny Goodmans Famous 1938 Carnegie Hall Jazz Concert. Ich nehme sie vom Plattenteller und schiebe sie in die Hülle.
„Diese Platte“, sage ich zu der Pflegerin. „Und seine Trompete.“
Die gerahmten Fotos lasse ich stehen: eine siebenköpfige Jazzcombo, eine Frau im Sommerkleid auf einem Balkon, ein Zehnjähriger in HJ-Uniform. Am schwierigsten fand ich es immer, ihn mir als Kind vorzustellen. Doch die Fotos können mir dabei nicht helfen. Sie würden meine Fantasie nur einengen. Wegen meiner Fantasie hat er mich schließlich engagiert. Dafür hat er bezahlt. Ich werde meinen Job zu Ende bringen. Ich werde noch einmal von vorn anfangen. Ich werde übertreiben, hinzufügen, die Dinge spannender und unterhaltsamer machen, als sie waren. Vielleicht lasse ich Hitlers Führungsstab auf dem Obersalzberg Lindy-Hop tanzen.