Sascha Pranschke

Den Regen lieben

Roman


Leseprobe


Sein Zimmer ist leer. Durch das geöffnete Fenster weht der Sommerwind herein. Die Blumen in der Vase bewegen sich im Luftzug. Auf der Treppe habe ich mich gefragt, wie es in seinem Zimmer riechen würde. Davor habe ich Angst gehabt. Vor einem unbekannten Geruch. Aber weder Bekanntes noch Unbekanntes rieche ich, nachdem ich über die Schwelle getreten bin. Weder seine Ölfarben und Lösungsmittel, noch seinen eigenen Geruch, den Geruch seines toten Körpers. Der Wind hat das Zimmer von all dem gereinigt. Ich stelle mir den Geruch der Verwesung süßlich vor. Das liegt wahrscheinlich an der Zeitrafferaufnahme des Pfirsichs, die ich bei Wikipedia gesehen habe: In nur zehn Sekunden verwandelt sich die saftige Frucht zu einem grau-grünen pelzigen Etwas. Ich habe gelernt: Die Verwesung eines Körpers dauert unter der Erde achtmal länger als unter freiem Himmel. Das liegt am geringen Sauerstoffgehalt und den niedrigen Temperaturen unter der Erde.
Ich drehe mich im Kreis. Ich sehe ein leeres, frisch bezogenes Bett. Ich sehe leere Regale, den geöffneten, leeren Kleiderschrank. Ich sehe ein sauberes Waschbecken mit einem Wasserhahn, so blank, dass er die Nachmittagssonne spiegelt. Ich sehe seine Staffelei, auf der kein Bild mehr steht.

Jemand räuspert sich. Onkel Schorsch steht in der Tür.
„Wo sind seine Sachen?“, frage ich.
„Auf dem Dachboden.“
„Warum?“
Er zögert. „Wir dachten, es würde dir wehtun.“
„Ja. Es tut mir weh.“
Ich sehe ihn an, und für einen Moment schließen sich seine schmalen Augen. In der guten Kleidung wirkt er noch jünger als sonst. Als würde er noch seinen Konfirmationsanzug tragen.
„Wann ist es passiert?“
Wieder zögert er mit der Antwort. „Es ging schnell. Er musste nicht leiden.“
Ich stelle mir sein Gesicht vor. Es sah immer leidend aus. Auch wegen dieses Gesichts war ich oft froh, wieder ins Internat zu dürfen. Ich will meinen Onkel fragen, ob er wirklich glaubt, mein Vater habe nicht gelitten. Stattdessen frage ich:
„Wann ist die Beerdigung?“
„Morgen.“
„So schnell geht das?“
„Es ist besser. Die Hitze ...“
Noch einmal sehe ich mich um. Erst jetzt bemerke ich, dass die Regale und der offene Schrank nicht nur ausgeräumt sind. Man hat sie auch verschoben. Jedes Möbelstück steht an einem anderen Platz als bei meinem letzten Besuch.

„Hat er selbst sein Zimmer umgeräumt?“
„Nein, du weißt doch, wie er war. Bloß keine Veränderung! Aber nachdem ... Nun ja, deine Tante dachte ...“ Er sucht nach Worten.
Ich sage: „Tante Hella dachte, ein bisschen Veränderung würde gut tun?“
„Genau!“ Sein Gesicht hellt sich auf, dankbar für die Hilfe. „Uns allen. Und besonders dir!“
„Sind die Blumen auch von ihr?“
„Nein, die hat Hilke gepflückt. Ein bisschen Leben, hat sie gesagt.“
„Nett von Hilke.“
„Jeder tut, was er kann.“
„Davon bin ich überzeugt.“ Ich deute auf die leere Staffelei. „Was macht die noch hier?“
„Wir dachten, du hättest sie vielleicht gern.“
Warum gerade die Staffelei, frage ich mich. Warum dieses sperrige Ding, so groß und sperrig, wie er selbst war? Soll ich es in mein Zimmer stellen mit einem seiner Selbstporträts darauf? Ich sehe meinen Onkel an. Sein Konfirmandenblick ist der sicheren Miene des Familienoberhaupts gewichen. Er tritt auf mich zu und legt mir wortlos eine Hand auf die Schulter. Sie ist schwer und warm.
Ich sage: „Ich male nicht.“

Er seufzt und drückt meine Schulter. Es tut ein bisschen weh. „Wenn du sie nicht haben willst ...“
„Ich nehme sie“, sage ich. „Bringt sie in mein Zimmer!“ Ich streife seine Hand ab und gehe hinaus.
[...]

Ich werde seine Leiche nicht mehr sehen. „Die Hitze ...“, sagt Onkel Schorsch. Ich tue, als verstünde ich, warum alles so schnell gehen muss. Ich denke an die achtfache Geschwindigkeit der Verwesung über der Erde. Am nächsten Tag, bei der Beerdigung, sehe ich nur noch das dunkle Holz. Darunter liegt er angeblich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das glauben soll. Sie können mir doch erzählen, was sie wollen. Ich kann den Sarg schließlich nicht öffnen. Vielleicht ist er einfach abgehauen. Vielleicht wollen sie mir nur nicht erzählen, dass er mich nun endgültig allein lässt. Darüber denke ich nach, als wir dem offenen Mercedes-Kombi folgen. Von der offenen Kapellentür zum offenen Grab. Das ist die weiteste Öffnung von allen: Ein ganzes Leben passt dort hinein.
Wir stehen am Rand der Grube. Der Pastor murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Doch es klingt schön, weil er so ruhig spricht. Währenddessen lassen sechs Gestalten in Schwarz den Sarg an dicken Tauen hinunter. Zwei von ihnen sind mein Onkel und mein Cousin. Onkel Schorsch hat darauf bestanden, „mit anzupacken“. Heute trägt er sogar ein Jackett. Ich sehe den Schweiß auf seiner Stirn glänzen. In einem Punkt hat er recht gehabt: Die Hitze ist unerträglich. Ich wünschte, es würde regnen. Alle anderen sehnen sicher das Ende der Zeremonie herbei.
Viele sind nicht gekommen. Mein Vater verließ den Hof kaum und pflegte keine Bekanntschaften. Die wenigen vertrauten Gesichter gehören Arbeitern vom Hof. Hinter den drei oder vier unbekannten vermute ich Käufer seiner Bilder. Allen läuft der Schweiß in die Kragen. Sie können ihn nicht abwischen, denn man muss die Hände gefaltet halten. Ich freue mich über diese Tortur. Zwar schwitze ich selbst, doch ich finde, diese Leute schulden meinem Vater etwas. Vielleicht ist das ungerecht. Vielleicht haben sie nie ein böses Wort über ihn verloren. Vielleicht haben sie ihn sogar geschätzt. Doch das ist mir egal. Jemand muss bezahlen. Ich weiß nicht wer, ich weiß nicht was und ich weiß nicht wofür. Nur, dass es sein muss.
Die Stimme des Pastors senkt sich. Er kommt zum Ende. Die Tauenden in den Händen der Männer werden immer kürzer. Gleich wird der Sarg auf zwei Balken aufsetzen. Dort unten gelangt die stechende Sonne nicht hin. Mein Vater allein hat es heute kühl. Ich gönne es ihm, er sollte es genießen. Ich frage mich, wie lange er ungestört bleiben wird. Wie lange benötigen Ameisen, Speckkäfer und Fadenwürmer, um durch das Eichenholz zu ihm zu gelangen? Wie weit ist die Arbeit von Bakterien und Pilzen bereits jetzt fortgeschritten? Ich habe gelernt: Man nennt sie Reduzenten, Zersetzer. Ich erinnere mich gut an die Biologiestunde, in der wir über sie sprachen. Man unterscheidet Mineralisierer und Abfallfresser. Sie verwandeln meinen Vater in Wasser, Kohlenstoffdioxid und Mineralstoffe. Mehr bleibt nicht übrig.

Der Pastor klappt sein Gebetbuch zu. Die Männer ziehen die Taue aus der Grube. Hannes gerät dabei ins Stolpern. Sein rechter Fuß rutscht von der Matte aus Kunstrasen, die das Loch umrandet. Hannes kippt über die Kante. Ein gemeinsames Einsaugen von Luft durch Zahnreihen ist zu hören. Im letzten Moment fängt Onkel Schorsch seinen Sohn von der anderen Seite ab. Für einen Augenblick lehnen sie über dem Grab aneinander. Die anderen Sargträger stehen rat- und hilflos daneben. Jemand murmelt ein Gebet. Der Pastor streckt seine Hand nach ihnen aus. Doch er steht zu weit entfernt, um sie zu erreichen. Ich sehe, wie Tante Hellas Lippen sich schnell bewegen, als stammelte auch sie ein Gebet. Ich sehe, wie Hilke die Hände vors Gesicht schlägt.
Mit einem Stoß der Handflächen vor die Brust des anderen trennen sich Vater und Sohn. Eine Sekunde später stehen beide wieder sicher auf den Kunstrasenmatten, jeder auf seiner Seite. Hilke nimmt die Hände herunter. Tante Hellas Lippen beruhigen sich. Niemand verliert ein Wort.
Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Gleichzeitig bin ich enttäuscht. Ich wünschte, einer der beiden wäre gefallen. Oder besser noch beide zusammen. Darüber würde niemand schweigen, außer Tante Hella und vielleicht dem Pastor. Es wäre der Dorfklatsch des Jahres: wie der schwachköpfige Hannes mit seinem Vater ins offene Grab gefallen ist! Noch Jahre später würde man darüber lachen. Für Hannes wäre es nicht so schlimm, der wird ohnehin bei jeder Gelegenheit gehänselt. Onkel Schorsch aber müsste sich die Geschichte bis an sein Lebensende anhören.
Ich male mir aus, wie die ganze Familie nicht mehr nach Fleetstedt fahren kann. Denn beim Gedanken an den Sturz ins Grab stiehlt sich ein Grinsen in jedes Gesicht. Und in diesem Augenblick begreife ich, was ich von ihnen, von meiner Familie will: Sie sollen leiden.
Sie sollen leiden, wie mein Vater sein Leben lang gelitten hat. Ich weiß nicht, warum er gelitten hat. Ich weiß auch nicht, wofür sie mit ihrem Leid bezahlen sollen. Ich weiß nur, dass nun sie an der Reihe sind. Ich betrachte ihre vom Schreck erholten Gesichter, eines nach dem anderen.


© Allitera Verlag 2009