Sascha Pranschke

Kölner Kulissen

Roman


Leseprobe


Ihr wird schlecht. Sie rennt zurück ins Bad, reißt den Toilettendeckel hoch und beugt sich über die Schüssel. Es kommt nur ein wenig Schleim. Als zäher Faden bleibt er an ihrer Unterlippe hängen. Ihr Magen ist leer. Sie reißt Papier von der Rolle und wischt sich den Mund ab. 

Im Radio beginnen die Nachrichten. Paula setzt sich auf den gefliesten Boden. Den Rücken gegen den Heizkörper gelehnt hört sie zu.

Nichts. Keine Meldung über einen Leichenfund im Kölner Süden. Wahrscheinlich ist es noch zu früh. Vielleicht hält die Polizei die Nachricht auch zurück. Bei Morden an Prominenten ist die Presse noch lästiger als sonst.

Mord ... trifft das überhaupt zu?

Nein, sie hat sich nur gewehrt.

Gegen einen Freund?

Er ist zudringlich geworden.

Hat sie das nicht oft zugelassen?

Aber er hat sie beleidigt.

Und rechtfertigt das, ihn zu schlagen?

Nein, auf keinen Fall. Und doch hat sie es getan. Heute fragt sie sich, wie sie danach so ruhig bleiben konnte. Warum sie Vicos Körper gestern Abend so gleichmütig betrachtete. Heute kann sie sich ihre fehlende Anteilnahme nicht erklären. Gestern Abend war da nur die nüchterne Erkenntnis: Er ist tot, und sie kann das nicht ändern. Heute sagt sie sich, dass sie unter Schock stand. Unter Schock reflektiert man nicht. Unter Schock funktioniert man nur. Unter Schock ist jeder nur sich selbst der Nächste.

Sie stützt sich auf dem Heizkörper ab, steht auf und zieht die Toilettenspülung. Kein Wasser. Schon zum dritten Mal in diesem Monat. Ihr Vermieter hat längst versprochen, einen Klempner zu schicken. Sie zieht den Eimer unter dem Waschbecken hervor, der das Wasser aus dem undichten Abflussrohr auffängt. Damit spült sie ihren galligen Schleim die Toilette hinunter. Als sie den Eimer zurückstellt, entdeckt sie einen neuen Schimmelfleck an der Wand unter dem Waschbecken. Sie muss raus aus dieser Wohnung. Sie muss endlich etwas Bezahlbares und trotzdem Schimmelfreies finden. Am liebsten auf der anderen Rheinseite, in Nippes oder Ehrenfeld. Sie muss endlich wieder eine Rolle ergattern. Sie muss ... zuallererst die Sachen aus dem Rucksack loswerden.

Warum hat sie das nicht schon letzte Nacht erledigt? Was ist daran so schwierig? Die Weinflasche kommt in den Glascontainer unten an der Straße. Daneben steht auch ein Container für Altpapier, da kommt das Drehbuch rein. Das champagnerfarbene Kleid wird sie waschen. Aber große Hoffnung, die roten Flecken herauszubekommen, hat sie nicht. Ihr Premierenkleid, verdammt! Sie hat es zur Premiere von »Sonnenwende« getragen. Für Vico und sie bedeutete der Film 1999 den Durchbruch. Paula war dreiundzwanzig, Vico sechsundzwanzig. Ihm passt sein Premierenanzug von damals sicher nicht mehr.

Passte, verbessert sie sich. Wieder sieht sie seinen leblosen Körper vor sich. Sieht sich selbst, wie sie sich gestern Abend neben ihn gekniet hat. Vico liegt auf dem Bauch, die Beine gekreuzt. Beim Sturz hat er sich um hundertachtzig Grad gedreht. Der rechte Arm liegt unter seinem Körper. Der linke ist abgespreizt, die Handfläche nach oben gedreht. Als erwarte er eine letzte Gabe. Sie kniet sich neben ihn. Mit zwei Fingerspitzen berührt sie sein Handgelenk. Kein Puls, wie erwartet. In ihrer rechten Hand hält sie noch immer die Weinflasche. Sie stellt sie neben die Gläser auf den niedrigen Couchtisch. Zu ihrem Erstaunen ist die Flasche beim Schlag auf Vicos Schädel nicht zerbrochen.


© Emons Verlag 2013