Sascha Pranschke
Veits Tanz
Roman

Erstes Kapitel

Friedrich wird ruhig


Du wirst dick, dachte er und legte die Karte wieder auf den Tisch. Er hatte ohnehin keinen Hunger. Nach einem Drink wäre ihm zumute gewesen, vielleicht ein Cognac. Doch er musste einen klaren Kopf haben, wenn sie kam. Sie brauchten nun beide einen klaren Kopf.
Hinter dem Flügel, auf dem ein schmächtiger junger Mann in einem schneeweißen Anzug leise Jazz-Standards spielte, hing ein Spiegel. An einigen Stellen hatte sich das Blattgold vom Rahmen gelöst. Friedrich betrachtete sein Gesicht. Die Tränensäcke waren auch auf diese Entfernung nicht zu übersehen, genau so wenig die Geheimratsecken, deren Ränder längst grau waren. Doch am meisten störte ihn das fleischige Doppelkinn, das sich nach vorne schob, wenn er wie jetzt mit aufgestützten Ellenbogen und hochgezogenen Schultern dasaß. Sein hellbrauner Anzug war maßgeschneidert, doch nun fiel ihm auf, dass die Farbe der Krawatte nicht dazu passte. Außerdem war der Fleck von dem Kaffee, den er sich heute Morgen im Speisewagen über die Brust gegossen hatte, nur allzu deutlich. Er knöpfte sein Jackett zu, obwohl er schwitzte. Ein Teil des Kaffeeflecks war noch immer zu sehen.
Er erkannte sie sofort. Im Spiegel sah er sie hinter seinem Rücken in der Tür des Restaurants stehen. Sie hatte ihr Haar rot gefärbt und kam ihm größer vor, doch das musste an ihren Schuhen liegen oder an ihrer aufrechten Haltung. Sie trug ein eng anliegendes Kostüm in der Farbe ihres Haares. Der Rock endete knapp über den Knien.
Friedrich bemerkte den Schweiß auf seinen Handflächen, als er sich auf der Tischplatte abstützte, um sich zu ihr umzudrehen.
Zwei Kellner waren sofort zu ihr gekommen und wollten sie an einen freien Tisch führen. Sie beachtete sie nicht und ließ ihren Blick über die Gäste schweifen. Als sie Friedrich bemerkte, hielt sie inne. Zögernd hob er seine Hand. Sie kam gerade durch den Raum auf Friedrich zu, warf einen Blick auf seinen Tisch, dann auf ihn, setzte sich auf den Stuhl, den der ihr eilig folgende Kellner ein Stück zurückgezogen hatte, und sagte:
„Hast du noch gar nicht bestellt? Ich bin zu spät, ich weiß.“
Er betrachtete ihren Mund, erinnerte sich an etwas und schob es beiseite. Er rechnete die Zahl der Jahre nach, nicht zum ersten Mal heute. Nachdem es damals passiert war, hatten sie sich nicht mehr oft gesehen. Sie waren einander aus dem Weg gegangen. Er sagte:
„Eva! Ich bin so froh, dass du kommen konntest!“
„Ja, ja, ist schon gut. Ich hab aber nicht viel Zeit. Im Labor ist mal wieder die Hölle los. Wenn ich nicht spätestens um drei zurück bin … Du kennst ja das Sprichwort: Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse!“ Sie lachte kurz, öffnete ihre Handtasche, nahm eine Zigarettenspitze heraus und steckte eine filterlose Gitane hinein.

Friedrich wischte seine schwitzenden Hände an den Hosenbeinen ab. „Eva, wir …“
„Sag mal, hast du vielleicht Feuer? Ich kann doch einfach mein Feuerzeug nicht finden!“ Sie wühlte noch immer in ihrer Handtasche.
„Tut mir leid, ich rauche ja nicht.“
„Ach, ja, ich erinnere mich.“
Im Spiegel hinter dem Flügel sah Friedrich, wie sich sein Doppelkinn über den Krawattenknoten schob. Er setzte sich ein bisschen gerader hin. Der Pianist im weißen Anzug spielte But not for me.
„Eva, hast du …“
„Na, also“, sagte sie und zog ein silbernes Feuerzeug aus der Handtasche. „Wie heißt es doch: Ordnung ist das halbe Leben.“
Friedrich hustete in die Hand, als sie den Rauch über den Tisch blies.

„Es stört dich doch nicht?“, fragte sie.
Er sagte: „Nein, ich bin nur erkältet.“
„Stimmt, du siehst schlecht aus.“
„Ja, ich hab auch schlecht geschlafen. Sag mal …“
„Du bist auch dicker geworden, oder täusche ich mich? Nein, früher warst du viel schlanker! Kocht deine Frau so gut? Du bist doch verheiratet?“
„Ja, ich bin verheiratet. Und sie kocht wirklich gut. Aber worüber ich eigentlich mit dir …“
„Hast du jetzt eigentlich schon bestellt oder nicht? Du hast mir eben gar nicht geantwortet!“ Sie inhalierte den Rauch, zog langsam die Zigarettenspitze zwischen den Lippen hervor und ließ die Asche in den Aschenbecher fallen.
„Nein“, sagte er. „Ich habe keinen Hunger.“
Eva winkte dem Kellner, der schon auf ein Zeichen von ihr gewartet zu haben schien. „Ich denke, ich werde auch nur einen Salat essen. Wir sind ja schließlich keine zwanzig mehr, was Friedel?! Würde dir auch ganz gut tun, mal ein bisschen kürzer zu treten!“

„Ich sage doch, ich will gar nichts essen!“
Sie bestellte den Salat und zwei Mineralwasser. Der Pianist spielte Now’s the time, und für einen Moment erinnerte sich Friedrich daran, wie er selbst an Charlie Parkers Solo zu diesem Blues verzweifelt war. Schließlich hatte er sein Saxophonspiel deshalb aufgegeben. Als der Kellner gegangen war, sagte er laut:
„Eva, jetzt hör mir bitte mal zu!“
„Was ist denn los?“ Sie nahm den Zigarettenstummel aus der Spitze und drückte ihn im Aschenbecher aus. „Friedrich, ich habe mich wirklich gefreut, als mir meine Assistentin von deinem Anruf erzählt hat. Aber ich habe keine Lust, mich hier von dir anschreien zu lassen!“
„Entschuldige, bitte! Aber …“
„Wir hatten doch eigentlich eine schöne Zeit damals. Obwohl du auch früher schon … ja, wie soll ich es nennen? Manchmal bist du einfach ausgerastet! Wie geht denn deine Frau damit um?“
Friedrich zerknüllte die Serviette, mit der er seit ein paar Minuten herumspielte. „Ich will mit dir nicht über meine Familie reden!“, sagte er. „Und was die schöne Zeit betrifft: Eva, liest du keine Zeitung?“

Sie steckte eine neue Zigarette in die Spitze. Beim Anzünden ließ sie sich Zeit. „Sie haben dich für den Konrad-Keppler-Preis vorgeschlagen, ich hab’s gelesen“, sagte sie. „Ich gratuliere! Von unseren Kollegen macht dir so leicht keiner was vor.“
„Davon rede ich nicht.“ Er stopfte die Serviette in den Aschenbecher. „Ich hab dich nicht hierher bestellt, um über unsere Karrieren zu plaudern. Obwohl …“ Er sprach nun etwas leiser. „Das eine lässt sich ja kaum vom anderen trennen. Eva, … sie haben die Präparate entdeckt!“
Das Restaurant war jetzt fast voll. Rings um Eva und Friedrich waren alle Tische besetzt. Die Stimmen der Gäste vermischten sich zu einem gedämpften Gemurmel. Von Zeit zu Zeit sah jemand zu den beiden herüber. Besonders Eva wurde sowohl von Männern als auch von Frauen eingehend betrachtet. Sie saß gerade, ohne dabei die Rückenlehne ihres Stuhls zu berühren. Ihr linkes Bein hatte sie über das rechte geschlagen. Jetzt schnippte sie die Asche in den von Friedrichs Serviette verstopften Aschenbecher.

„Die Präparate waren niemals versteckt“, sagte sie. „Das war ja das Geniale an unserer Idee. Sie standen zwischen all den anderen Präparaten in den Regalen des Instituts. Nur so, ganz öffentlich, konnten sie niemandem auffallen.“
„Ja, niemandem außer einem übereifrigen Doktoranden!“ Friedrich zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und schneuzte hinein. Eva sah, wie seine Hand dabei zitterte. „Letzte Woche fiel diesem Doktoranden auf, dass das Alter der Körperteile nicht mit den von uns bei der Katalogisierung angegebenen Daten zusammenpasste.“ Er wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn ab. „Und sag bitte nicht: unsere Idee! Die Idee, ihn zu konservieren, geht auf deine Kappe!“
„Ja, wir haben uns die Arbeit schön geteilt“, sagte sie. „Ich habe den Dreck weg gemacht, nachdem du …“
„Eva!“
„Da kommt mein Salat.“
Der Kellner stellte den Teller und die beiden Gläser mit Mineralwasser auf den Tisch. Er lächelte Eva an, und sie lächelte zurück. Friedrich war damals oft eifersüchtig gewesen. Ob es Gründe dafür gegeben hatte, wusste er nicht. Er sah auf ihre Lippen — sie hatten die gleiche Farbe wie ihr Haar und ihr Kostüm — und erinnerte sich an ihr Lachen von damals, an den Spaß, den sie miteinander gehabt hatten. All das war vor dem Abend im Keller des Instituts gewesen.

„Was für eine hirnrissige Idee!“, sagte er. „Ihn zu konservieren! Und ich hab mich darauf eingelassen!“
Eva drückte ihre Zigarette in der zerknüllten Serviette aus. „Du wolltest ihn in irgendeinem See versenken!“, sagte sie und nahm ihre Gabel in die Hand. „Ich sag dir mal was: Es hätte keinen Monat gedauert, und unser lieber Freund und Kommilitone wäre wieder aufgetaucht.“
„Sprich doch nicht so laut!“
„Entschuldige!“ Sie schob sich ein Radieschen in den Mund. Es knackte, als sie mit den Backenknochen darauf biss. „Jedenfalls“, sagte sie kauend, „brauchten wir uns durch meinen genialen Einfall zwanzig Jahre lang keine …“
„Es ist gerade achtzehn Jahre her!“
„Immer noch der alte Erbsenzähler, was?!“ Sie schluckte und faltete mit Messer und Gabel ein großes Salatblatt zusammen.
„Also gut: Wir mussten uns achtzehn Jahre lang keine Gedanken um den guten alten Moritz machen. Und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass wir es jetzt tun müssen.“
Friedrich seufzte. „Du und dein unerschütterlicher Optimismus!“
Eva kaute ihren Salat gut durch, schluckte und spülte mit Mineralwasser nach. „Erstmal müssen sie herausfinden, wem diese Körperteile gehörten. Überleg mal, wie viele Präparate es waren! Vielleicht haben sie noch gar nicht alle gefunden.“
„Wenn sie erst ein paar gefunden haben, finden sie auch die anderen. Und dann setzen sie das Puzzle Stück für Stück zusammen.“
„Schöner Vergleich, Friedel! Aber ich glaube trotzdem nicht, dass sie auf Moritz kommen werden.“ Sie beugte sich zu ihm herüber und sprach etwas leiser. „Den Schädel hat schließlich die Müllabfuhr gekriegt“, sagte sie und lehnte sich wieder zurück. „Magst du wirklich nicht von dem Salat probieren?“
Friedrich schwitzte. Er wollte sein Jackett ausziehen, lockerte aber nur den Knoten der Krawatte. „Mein Gott, Eva!“, flüsterte er. „Wir sind doch beide vom Fach. Wir wissen doch, was es heute für Methoden gibt, um die Identität von …“ Er senkte seine Stimme noch mehr, „… um die Identität von Leichen zu bestimmen. Noch dazu, wenn sie so gut konserviert sind!“
„Fachgerecht eben!“, sagte Eva. Sie trank noch einen Schluck von dem Mineralwasser, verzog das Gesicht und sagte: „Früher hatten die hier San Pellegrino. Probier mal! Schmeckt wie Spülwasser!“

„Verdammt, Eva, ich habe Angst! Du warst ja schon immer die Ruhe selbst! Vielleicht hab ich mich deshalb damals in dich verliebt. In deiner Nähe wurde auch ich ruhiger.“ Er wischte sich wieder die Stirn mit dem Taschentuch ab. „Aber als ich dann gesehen hab, wie du beim Präparieren mit seinen Fingern herumgealbert hast …“
„Mein Gott, ich hab ihm ’ne brennende Kippe dazwischen gesteckt!“ Eva stöhnte. „Das war ’n Witz!“
„Er war ein Mensch!“
„Ja. Vorher.“ Sie legte ihre Gabel auf den Teller und sah Friedrich in die Augen. „Und dann hast du ihn …“
„Eva!“ Friedrich rutschte in seinem Stuhl zurück. „Was ich getan hab, war deine Idee!“
„Und? Profitiert haben wir doch wohl beide davon, oder? Das Forschungsprojekt, die Doktorarbeit, später meine Stelle als Assistentin und dein Lehrauftrag in England … Mindestens die Hälfte davon hätte Moritz eingestrichen, da kannst du sicher sein! Moritz, der Liebling vom Prof … Moritz, der Vorzeigestudent!“
Friedrich öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. „Mir ist so heiß!“, sagte er.

Eva griff nach seinen Händen. „Du glühst ja regelrecht!“, sagte sie. „Am besten, du hältst mal deinen Kopf unter den Wasserhahn! Die Toiletten sind dort neben dem großen Spiegel.“
Für einen Moment schloss Friedrich die Augen. Ihre Hände auf seinen fühlten sich so angenehm an. Früher hatte allein das genügt, um ihn zu beruhigen. „Wahrscheinlich hast du recht“, sagte er. „Entschuldige mich für einen Moment!“
Als Friedrich an dem Pianisten vorbei ging, machte der gerade eine Pause und trank ein Glas Wasser. Erst jetzt bemerkte Friedrich, dass nicht nur der Anzug des Mannes weiß war. Auch seinem Haar, seinem Gesicht und den Händen fehlte jede Spur von Farbe. Über den Rand des Glases sah der Albino Friedrich in die Augen.
Am Waschbecken zog Friedrich sein Jackett aus. Sein Hemd hatte große dunkle Flecken unter den Achseln. Seine Stirn und die Wangen waren gerötet. Er drehte den Hahn auf und warf sich kaltes Wasser ins Gesicht.
Eva ließ gerade den Verschluss ihrer Handtasche zuschnappen, als Friedrich sich wieder zu ihr an den Tisch setzte.
„Geht’s dir besser?“, fragte sie.

„Ja, … nein, eigentlich nicht. Ein bisschen vielleicht.“ Er holte Luft und drehte sein Wasserglas in der Hand. „Eva, ich hab einen Entschluss gefasst. Ich … ich kann damit nicht weiterleben. Die ganzen letzten Jahre … Manchmal hab ich ja schon gar nicht mehr daran gedacht. Aber immer wenn ich eine neue, eine noch besser bezahlte Stelle antrete, immer wenn man mir einen Preis verleiht …“ Das Glas zitterte in seiner Hand, ein bisschen Wasser schwappte über den Rand. Friedrich sah, wie Eva die Pfütze mit einer Serviette aufwischte und dann nach seiner Hand griff. Er flüsterte: „Dann sehe ich immer Moritz unten im Labor liegen, sehe das Blut an meiner Hand und das Skalpell darin … Ich werde zur Polizei gehen, Eva.“
Sie ließ seine Hände los. Sofort begann das Glas darin wieder zu zittern.
„Du bist ja schon wieder ganz aufgeregt“, sagte sie. „Wie du zitterst! Komm, trink mal einen Schluck!“
Sie nahm seine linke Hand, während er mit der rechten das Glas an den Mund führte und beim Trinken den Kopf ein wenig in den Nacken legte. Er spürte die Wärme ihrer Hand und drückte sie, als er sagte: „Ich werde ihnen nichts von dir erzählen. Wenn du damit leben kannst … Ich werde alle Schuld auf mich nehmen.“
„Ist ja schon gut. Wenn das deine Entscheidung ist … Komm, trink dein Glas aus, das wird dir gut tun!“

Jetzt, wo er eine Entscheidung getroffen und sie auch ausgesprochen hatte, fühlte sich Friedrich tatsächlich ein wenig besser. Er trank das Glas aus, verzog das Gesicht und sagte: „Du hast Recht, es schmeckt tatsächlich wie Spülwasser.“
Eva ließ seine Hand los, lehnte sich zurück und winkte dem Kellner. „Vielleicht ist es wirklich das Beste“, sagte sie. „Dann kannst du ruhig schlafen, Friedel.“
Der Kellner kam, und Eva verlangte die Rechnung.
„Ach, du willst schon gehen?“, fragte Friedrich.
„Ja, ich muss leider. Ich habe noch eine Verabredung.“ Sie nahm ihr Portemonnaie aus der Handtasche. Friedrich wollte bezahlen, doch sie wehrte ab. „Nein, du hast ja selbst gar nichts gegessen. Ich lade dich ein.“ Sie gab dem Kellner eine Banknote. „Stimmt so.“
Sie zündete sich noch eine ihrer filterlosen Gitanes an, diesmal ohne die Zigarettenspitze zu benutzen. Friedrich beobachtete sie dabei. Als sie die Zigarette im Aschenbecher ablegte, um sich den Seidenschal um den Hals zu binden, sagte er:
„Ein bisschen wundere ich mich schon, wie ruhig du noch immer bleibst. Ich hatte gedacht, du würdest mich davon abbringen wollen, zur Polizei zu gehen.“

Eva stand auf und beugte sich zu ihm herunter. „Friedel, ich sag dir jetzt mal was“, flüsterte sie. „Unter alten Freunden möchte ich nicht sagen, und auch ein Rat fürs Leben erscheint mir gerade etwas unpassend.“ Sie zog an ihrer Zigarette. Im Aschenbecher hatte sich die zerknüllte Serviette daran entzündet und schwelte vor sich hin. „Was ich dir sagen will, ist Folgendes: Man sollte im Leben einfach nichts dem Zufall überlassen. Niemals. Es könnte einen teuer zu stehen kommen.“
Sie war so nah bei Friedrich, dass ihr Parfüm in seiner Nase stach. Es war nicht mehr jenes, das sie früher benutzt hatte. „Ich gehe jetzt zu meiner Verabredung“, fuhr sie fort. „Als ich sagte, ich müsse um drei zurück im Labor sein, habe ich dich angeschwindelt. In einer halben Stunde treffe ich das Preiskomitee der Konrad-Keppler-Stiftung. Sie ziehen es in Erwägung, mich für die diesjährige Preisverleihung zu nominieren.“

„Ach! Dich auch?“ In Friedrichs Nase vermischte sich der Duft von Evas Parfüm mit dem der schwelenden Serviette. „Na, da gratuliere ich doch!“
„Vielen Dank! Und ich sage dir noch etwas: Ich rechne mir ziemlich gute Chancen aus, den Preis auch zu bekommen. Mein schärfster Konkurrent wird demnächst einem Herzinfarkt erliegen. Zumindest wird das die Obduktion ergeben. Er war sehr aufgeregt zuletzt, ja, er wirkte richtig gestresst. Wollte gar nichts mehr essen, hat nur Wasser getrunken, der Ärmste!“
Friedrich wurde auf einmal wieder sehr heiß. Evas Gesicht so nah vor seinem eigenen schien jetzt größer zu werden. „Eva, was willst du damit …“

„Ich muss jetzt wirklich gehen. Ich will das Komitee nicht warten lassen.“ Sie drückte ihre Zigarette aus. „Außerdem möchte ich nicht dabei sein, wenn es soweit ist.“
Friedrich wollte etwas sagen, doch ihm fehlte der Atem dazu. Er sah, wie Eva sein Wasserglas in ihre Handtasche steckte.
„Das nehme ich besser mit“, sagte sie. „Wir beide wissen ja, was sie heute für Methoden haben, nicht wahr?!“ Sie lächelte. „Weißt du noch, wie wir früher in Restaurants immer Gläser und Aschenbecher geklaut haben? Du hattest jedes Mal eine Heidenangst, erwischt zu werden! Ach, Friedel, die alten Zeiten!“ Seufzend drehte sie sich um. Friedrich sah, wie ihr ein Kellner die Tür aufhielt.
Er wollte ihr etwas hinterher rufen, doch er fand noch immer nicht die nötige Luft dazu. Er stützte sich auf dem Tisch ab und atmete stoßweise. Im Spiegel hinter dem Flügel sah er sein eigenes Gesicht und das des Pianisten. Der Albino sah ihm in die Augen und lächelte. Er spielte Autumn Leaves, Friedrich mochte das Stück sehr gern. Er legte den Kopf auf die Tischplatte, sah zu dem Pianisten hinüber und hörte zu. Mit jedem Takt wurde die Musik nun lauter, und Friedrich spürte, wie er selbst dabei immer ruhiger wurde.


© Verlag der Criminale 2007